Canarias Semanal

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Rezension von den kanarischen Inseln zur "Götterdämmerung über der neuen Weltordnung"

Interview und Buchbesprechung von Martín Alvarez in der online-Zeitschrift “Canarias Semanal” zum Buch von Stefan Engel "Götterdämmerung über der neuen Weltordnung"

Von Martín Alvarez

Am 11.Februar 2026 erschien eine ausführliche Besprechung des Buchs von Stefan Engel “Götterdämmerung über der ‘neuen Weltordnung’” in der täglich aktualisierten alternativen online-Zeitschrift “Canarias Semanal” (canarias-semanal.org)1, Es ist in Form eines Interviews mit Martín Alvarez, der das Buch kürzlich gelesen hat. Es ist eine ausführliche, sachliche Darstellung, die die treffenden Analysen und Prognosen von Stefan Engel würdigt. Einzelne Fehler - so wird Stefan Engel als Intellektueller bezeichnet, er ist Arbeiter, gelernter Schlosser, und statt 2003 wird das Jahr 2000 als Herausgabejahr genannt - sind untergeordnet. Martin Alvarez hat das Buch gründlich gelesen und nennt wesentliche Zusammenhänge des Buchs, die sich in der weiteren Entwicklung bestätigt haben. Umso mehr fällt auf, dass die Herausbildung der Faktoren für die Überwindung der Herrschaft des allein herrschenden Internationalen Finanzkapitals im Interview nicht behandelt werden. Auf dessen Vergänglichkeit weist ja bereits der Titel des Buches hin. So spielt im Interview das internationale Industrieproletariat, das sich mit der Neuorganisation der internationalen Produktion herausgebildet hat, keine Rolle. Damit die Kraft entstanden, die dem imperialistischen Weltsystem an der Spitze der Masse der Unterdrückten überlegen werden kann, um seine Macht in einer internationalen sozialistischen Revolution zu stürzen. „Die Götterdämmerung des internationalen Finanzkapitals … ist der Vorabend einer wirklich neuen Weltordnung – der vereinigten sozialistischen Staaten der Welt.“ Dieser Ausblick im Schlussatz des Buches ist heute umso gewichtiger, als die Neuorganisation der internationalen kapitalistischen Produktion in einer tiefen, unlösbaren Krise steckt. Bis zur akuten Gefahr eines III. Weltkriegs. Alvarez zeigt sich im Interview besonders beeindruckt von der treffenden Prognose über die Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Systems und die Zuspitzung der Widersprüche zwischen alten und neu entstehenden imperialistischen Mächten, wo er besonders USA und China nennt. Es bestätigt sich aber auch die Prognose, dass zugleich das Potential einer revolutionären Weltkrise wächst: „Dabei formiert sich in einem ein weltweiter politischen Gärungsprozess eine Einheitsfront gegen Faschismus, Krieg, gegen den Abbau sozialer Errungenschaft und die Ausbeutungsoffensive in den Betrieben“ – das weist die aktuelle Erklärung des ZK der MLPD vom 17.2.26 nach (www.mlpd.de, „Millionen formieren sich weltweit gegen Faschismus und Krieg“).

Hier folgt die Buchbesprechung:

DAS BUCH, WELCHES DAS CHAOS ANKÜNDIGTE: SO WURDE DIE AKTUELLE WELTWEITE UNORDNUNG VORAUSGESAGT, LANG BEVOR SIE AUSBRACH

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Canarias-semanal.org

REDAKTION CANARIAS SEMANAL.ORG

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Unser regelmäßiger Mitarbeiter Martín Álvarez ist weder Akademiker noch professioneller Aktivist. Er ist vielmehr jemand, der es gewohnt ist, die Bücher, die ihm in die Hände fallen, mit großer Aufmerksamkeit zu lesen, ihren Inhalt mit anderen Büchern zu vergleichen und jedes einzelne in seinen entsprechenden Kontext einzuordnen. Da wir diese Vorgehensweise kennen, haben wir von der Redaktion von Canarias Semanal mit ihm vereinbart, dass er uns von Zeit zu Zeit die Möglichkeit gibt, ihn zu seinen letzten Lektüren zu interviewen, damit seine Beobachtungen und Kommentare unseren Lesern als Referenz dienen können.

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Martín Álvarez hat gerade das Buch „Götterdämmerung. Über die „Neue Weltordnung” zu Ende gelesen. Und nach dieser ganz aktuellen Lektüre hat er sich bereit erklärt, unsere Fragen zu beantworten.

Canarias Seminal: Martín, bevor wir uns eingehend mit der Analyse dieses Buches befassen, könntest du uns einige grundlegende Informationen über den Autor, Stefan Engel, geben?

Unser Interviewpartner nimmt sich einen Moment Zeit, bevor er uns antwortet.

Martín Álvarez: Ja, natürlich. Stefan Engel ist ein deutscher marxistischer Intellektueller, (Anmerkung RW-Redaktion: Stefan Engel war Schlosser und ist freier Publizist) der seit Jahrzehnten einer ideologisch nahestehenden deutschen Partei verbunden ist. Er ist sicherlich kein Autor, der sich nur mit gerade aktuellen Themen befasst, und auch kein Medienessayist. Seine Arbeit steht in einer ganz bestimmten Tradition: der des klassischen Marxismus mit einem starken Willen zur systematischen Analyse.

Die Götterdämmerung“ ist also kein improvisiertes oder reaktives Buch. Es ist Teil eines umfassenderen theoretischen Projekts, das über Jahre hinweg entwickelt wurde und zu Beginn des Jahrzehnts 2000 zu einem entscheidenden Zeitpunkt erschien: nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und inmitten der Globalisierungsbegeisterung.

Martín Álvarez erklärt uns, dass dieser Kontext grundlegend ist, um den Ton des Buches vollständig zu verstehen.

Martín Álvarez: Engel schrieb, als noch von der neuen Weltordnung” als Versprechen die Rede war. Als Dinge gesagt wurden wie „der Kapitalismus hat endgültig gesiegt und es gibt keine Alternative”.

Sein Buch entstand zu einem großen Teil als frontale Anfechtung dieser Art von intellektuellem Klima.

Canarias Seminal: : Wie würden Sie das Buch für diejenigen, die es nicht gelesen haben, ganz allgemein und zusammenfassend beschreiben?

Martín Álvarez lächelt leicht und sagt uns:

Martín Álvarez: Nun, dieses Buch versucht zu erklären, warum die Welt seit den 1990er Jahren so funktioniert, wie sie funktioniert. Es konzentriert sich nicht auf Anekdoten oder bestimmte Führungspersönlichkeiten. Es analysiert Strukturen. Die zentrale Idee ist, dass nach dem Ende des Sowjetblocks der Kapitalismus in eine neue Phase eintritt, die durch die internationale Neuordnung der Produktion unter der Herrschaft großer Monopole und des Finanzkapitals gekennzeichnet ist. Was uns als „Globalisierung” präsentiert wird, sollte kein neutraler und für alle vorteilhafter Prozess sein, sondern eine spezifische Form der Neuordnung der Wirtschaftsmacht auf globaler Ebene.

Martín macht eine Pause und fügt hinzu:

Martín Álvarez: Das Buch behauptet, dass dieser Prozess keine Stabilität gebracht hat, sondern weitere Krisen. Wirtschaftskrisen, soziale Krisen, politische Krisen und auch eine tiefe ökologische Krise. Und es stellt die These auf, dass die sogenannte „neue Weltordnung” in Wirklichkeit eine strukturelle Unordnung ist, die das System selbst nicht korrigieren kann.

Bevor wir diese einführende Einführung abschließen, baten wir ihn um eine abschließende Klarstellung.

Canarias Seminal: : Handelt es sich um ein populärwissenschaftliches oder ein anspruchsvolles Buch?

Martín Álvarez: Es ist zweifellos anspruchsvoll. Es ist kein leicht zu lesender Text. Aber sein Ziel ist es nicht, zu beeindrucken, sondern zu erklären und zu präzisieren. Es möchte, dass der Leser die grundlegenden Mechanismen versteht, auch wenn dies eine gewisse Anstrengung erfordert.

Damit ist der Rahmen gesetzt: Autor, Kontext und allgemeine These. Von nun an werden wir uns den Schlüsselfragen zuwenden, die es uns ermöglichen, die Ausrichtung und die wichtigsten Aspekte des Buches nacheinander in Ruhe zu beleuchten.

Canarias Seminal: : Aus welcher ideologischen und politischen Perspektive ist El crepúsculo de los dioses geschrieben?

Martín Álvarez: Es ist aus einer marxistischen und ausgesprochen leninistischen Perspektive geschrieben, sehr klar und explizit.

Es versucht nicht, seine Position zu verschleiern oder einen neutralen Ton anzuschlagen. Aber es ist auch keine Pamphlet. Es ist ein Buch, das von einer klar definierten politischen Position ausgeht und von dort aus eine strukturelle Analyse des zeitgenössischen Kapitalismus aufbaut.

Canarias Seminal: Das Buch hinterfragt frontal die Idee einer „neuen Weltordnung”. Was versteht Engel unter diesem Begriff?

Martín Álvarez: Engel versteht die „neue Weltordnung” als einen politischen Slogan und nicht als eine geordnete Realität. Dem Buch zufolge wurde sie verwendet, um das als „Fortschritt” darzustellen, was in Wirklichkeit eine Umgestaltung der Wirtschaftsmacht in den Händen großer internationaler Monopole nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war.

Canarias Seminal: : Sie haben zuvor die „Neuorganisation der internationalen Produktion” erwähnt. Warum ist dieses Thema so zentral in dem Buch?

Martín Álvarez: Weil für Engel darin der Schlüssel zu allem liegt. Er analysiert die Globalisierung nicht als „kulturellen oder kommerziellen Austausch”, sondern als „eine konkrete Form der Organisation der Produktion auf globaler Ebene”. Unternehmen produzieren in verschiedenen Ländern, fragmentieren Prozesse und unterwerfen ganze Volkswirtschaften ihren Rentabilitätsanforderungen.

Canarias Seminal: : Welche Rolle spielen internationale Monopole in dieser Analyse?

Martín Álvarez: Sie sind der zentrale Dreh- und Angelpunkt. Das Buch argumentiert, dass wir nicht mehr nur von großen Unternehmen sprechen, sondern von Supermonopolen, die ganze Sektoren des Weltmarktes dominieren. Diese Monopole beeinflussen nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik der Staaten.

Canarias Seminal: : Und wie sieht es in diesem Szenario mit den Nationalstaaten aus?

Martín Álvarez: Sie sind geschwächt. Das Buch erklärt uns, dass die Staaten weiterhin existieren, aber immer weniger tatsächlichen Entscheidungsspielraum haben. Sie konkurrieren miteinander um Kapital, schränken Arbeits- und Steuerrechte ein und agieren letztendlich eher als Verwalter fremder Interessen denn als Vertreter ihrer Bevölkerung.

Canarias Seminal: : Aus sozialer Sicht, Martín, welche Folgen hebt Engel hervor?

Martín Álvarez:  Vor allem die allgemeine Prekarisierung. Etwas, das sich unerbittlich bewahrheitet hat. Er spricht von einem internationalen Proletariat, das unter ständigem Druck steht, mit weniger Stabilität und weniger Verteidigungsmöglichkeiten. Er weist auch auf den Anstieg der Arbeitslosigkeit, die Existenzunsicherheit und die Zerstörung historischer sozialer Errungenschaften hin.

Canarias Seminal: : Das Buch widmet den Krisen viel Raum. Wie interpretiert Stefan Engel sie?

Martín Álvarez:  Nicht als Zufälle. Engel betont, dass Krisen strukturell sind, dem System selbst innewohnen. Wirtschaftliche, finanzielle, politische und soziale Krisen. Sie entstehen nicht, weil etwas schlecht funktioniert, sondern weil das Funktionieren des globalen Kapitalismus selbst diese Spannungen erzeugt.

Canarias Seminal: : Und die ökologische Krise? Welchen Platz nimmt sie in der Gesamtanalyse ein?

Martín Álvarez:  Einen zentralen Platz. Das Buch argumentiert, dass die Logik der Gewinnmaximierung mit dem Umweltschutz unvereinbar ist. Der Wettbewerb zwischen Monopolen und Staaten verhindert echte Lösungen und macht die ökologische Krise zu einer permanenten Bedrohung.

Canarias Seminal: : Bietet das Buch einen Ausweg oder eine Alternative zu der von ihm gestellten Diagnose?

Martín Álvarez: Ja, aber nicht in Form von Teilreformen. Engel argumentiert, dass das System nicht von innen heraus korrigiert werden kann und dass der einzige wirkliche Ausweg ein tiefgreifender sozialer Wandel auf internationaler Ebene wäre. Es ist ein eindeutig revolutionärer Vorschlag, der mit seinem theoretischen Rahmen im Einklang steht.

Canarias Seminal: : Für wen ist „Die Götterdämmerung” nach der Lektüre geschrieben?

Martín Álvarez: Für Leser, die die Welt aus einer strukturellen und kritischen Perspektive verstehen wollen. Es ist kein Buch für den schnellen Konsum oder zur Beruhigung des Gewissens. Es ist ein Text, der Aufmerksamkeit erfordert und den Leser eher politisch bilden will, als ihn mit einfachen Sätzen zu überzeugen.

Canarias Seminal:  Wie analysieren Sie den Zusammenbruch der Sowjetunion?

Martín Álvarez:  Das Buch analysiert den Zusammenbruch der Sowjetunion auf eine ganz andere Weise als die vorherrschende Darstellung. Es präsentiert ihn weder als Scheitern des Sozialismus an sich noch als einfache Niederlage gegenüber dem Westen. Laut „Der Götterdämmerung” bricht nicht ein sozialistisches System zusammen, sondern ein Modell, das jahrzehntelang als bürokratischer Staatskapitalismus funktioniert hat.

Engel vertritt die Ansicht, dass die Sowjetunion ihren sozialistischen Charakter schon lange vor 1991 verloren hatte. Er datiert diesen Wandel auf die Jahre nach Stalins Tod, als eine neue bürokratische Elite begann, wirtschaftliche und politische Macht zu konzentrieren. Diese Elite agierte laut dem Autor wie eine Bourgeoisie neuen Typs und verwaltete die Wirtschaft nach Kriterien der Akkumulation und des Wettbewerbs, obwohl sie eine sozialistische Sprache beibehielt.

Aus dieser Perspektive war der Zusammenbruch weder ein Unfall noch ein plötzlicher Verrat, sondern das logische Ergebnis eines langen Prozesses der inneren Degeneration. Die sowjetische Wirtschaft, die streng national organisiert war, konnte sich nicht an die neue Phase der Internationalisierung der kapitalistischen Produktion anpassen, die seit den 1970er und 1980er Jahren rasch voranschritt. Der technologische Rückstand, die geringe Produktivität und die relative Isolation vom Weltmarkt schwächten ihre materielle Basis.

Das Buch lehnt auch die Vorstellung ab, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion das „Ende der Geschichte” markiere. Im Gegenteil, Engel interpretiert ihn als eine weitere Episode der allgemeinen Krise des imperialistischen Weltsystems. Das Verschwinden dieses Blocks löste nicht die Widersprüche des Kapitalismus, sondern ermöglichte eine aggressivere Offensive des Finanzkapitals auf globaler Ebene.

Kurz gesagt, die sowjetische Implosion wird als das Scheitern eines revisionistischen und bürokratischen Modells dargestellt, nicht als Beweis dafür, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt. Für den Autor eröffnet dieser Zusammenbruch eine neue Phase der weltweiten Unordnung und offenbart gleichzeitig die historischen Grenzen des herrschenden Systems.

Canarias Seminal: : Das Buch wurde im Jahr 2000 (Anmerkung RW-Redaktion: Erscheinungsjahr 2003) geschrieben. Hat Engel damals irgendwelche Prognosen über den Hegemonialstreit zwischen China, Russland und den Vereinigten Staaten abgegeben?

Ja, allerdings nicht in den üblichen Begriffen der aktuellen Mediengeopolitik. Das Buch enthält keine konkreten Vorhersagen wie „dieses Land wird gewinnen” oder „jenes Land wird untergehen”, sondern formuliert einen Analyserahmen, der eindeutig eine Verschärfung des Hegemonialstreits zwischen den Großmächten vorhersagt.

In „Die Götterdämmerung” geht Engel von einer zentralen Idee aus: Das Verschwinden der Sowjetunion läutet nicht eine Ära stabiler Hegemonie der Vereinigten Staaten ein, sondern eine Übergangsphase, die durch die Aufteilung und Neuaufteilung der Welt gekennzeichnet ist. Aus dieser Perspektive erscheint die Hegemonie der Vereinigten Staaten zwar unmittelbar stark, aber strukturell instabil.

Was Russland betrifft, so wird es in dem Buch nicht als endgültig besiegte Macht dargestellt. Engel interpretiert den Zusammenbruch der Sowjetunion als einen Fall, auf den ein Prozess der kapitalistischen Neugestaltung folgte. Russland erscheint als ein in den 1990er Jahren geschwächter Akteur, aber mit dem Potenzial, wieder um Machtpositionen zu kämpfen, gerade weil das Weltwirtschaftssystem diese Konfrontation zwischen den Mächten fördert.

Was China betrifft, ist die Analyse aus heutiger Sicht besonders bedeutsam. Das Buch definierte es bereits damals als eine aufstrebende sozialimperialistische Macht. Es behandelt es weder als ein Entwicklungsland noch als eine Ausnahme vom globalen Kapitalismus, sondern als einen Akteur, der starke staatliche Kontrolle mit aggressiver Einbindung in den Weltmarkt verbindet. Engel sagt voraus, dass seine Integration in die Weltwirtschaft keine Harmonie bringen würde, sondern neue zwischenimperialistische Spannungen.

Was die Vereinigten Staaten betrifft, ist die Prognose klar: Sie werden weiterhin die führende Macht bleiben, aber ihre Führungsrolle wird zunehmend von militärischer Stärke, politischem Druck und finanzieller Dominanz abhängen, nicht von einer gemeinsamen wirtschaftlichen Stabilität. Die von Washington angekündigte „neue Weltordnung” wird als hegemoniales Bestreben beschrieben, nicht als akzeptiertes Gleichgewicht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Buch kein Spielfeld mit Daten und Siegern zeichnet, aber etwas Grundlegendes vorhersagt: dass der Wettbewerb zwischen den Vereinigten Staaten, China und Russland keine zukünftige Anomalie sein würde, sondern eine logische Folge der neuen Phase des globalen Kapitalismus. Der aktuelle hegemoniale Streit widerspricht nicht der Analyse von Engels, sondern bestätigt sie aus der Sicht seines theoretischen Rahmens.

Canarias Seminal: : Wie beschrieb Engels dann die aktuelle Weltlage im Jahr 2000, als er das Buch schrieb?

Martín Álvarez:  Engels beschrieb die Weltlage zu Beginn des Jahres 2000 als eine Phase des instabilen Übergangs, nicht als ein neues Gleichgewicht. In „Götterdämmerung über der neuen Weltordnungargumentiert er, dass die Welt in eine Phase eingetreten sei, in der die alte bipolare Ordnung verschwunden sei, ohne dass ein System entstanden sei, das dauerhafte Stabilität gewährleisten könne.

Für ihn war das zentrale Merkmal dieser Zeit die strukturelle Desorganisation des imperialistischen Weltsystems. Die Vereinigten Staaten erschienen als dominierende Macht, aber nicht als solide Hegemonialmacht, sondern als ein Akteur, der gezwungen war, seine Führungsrolle in einem Kontext wachsender wirtschaftlicher, politischer und sozialer Widersprüche durchzusetzen. Die Vorherrschaft existierte, war aber fragil und hing zunehmend von Zwangsmaßnahmen ab.

Engel beschreibt eine Welt, die geprägt ist von der aggressiven Expansion des Finanzkapitals, das die Produktion auf globaler Ebene neu organisiert, ohne politische Institutionen zu schaffen, die in der Lage wären, sie zu regulieren. Das Ergebnis ist eine hochintegrierte Weltwirtschaft, die jedoch politisch fragmentiert ist. Die Produktivkräfte schreiten voran, während die Machtstrukturen zurückbleiben.

Diese Diskrepanz führt laut dem Buch zu einer Anhäufung gleichzeitiger Krisen: wiederkehrende Wirtschaftskrisen, Schwächung der Staaten, regionale Kriege, steigende Arbeitslosigkeit und eine ökologische Krise, die globale Ausmaße annimmt. Nichts davon wird als außergewöhnlich dargestellt, sondern als normale Symptome der neuen Phase.

In diesem Zusammenhang spricht Engel bereits von einem neuen Kampf um die Aufteilung der Welt. Nicht als exakte Wiederholung der Kriege des 20. Jahrhunderts, sondern als zunehmender Wettbewerb zwischen Großmächten und Monopolen um Märkte, Ressourcen und Einflussbereiche. Die Weltlage erscheint somit zunehmend konfliktreich.

Zusammenfassend sah Engel im Jahr 2000 keine geordnete Welt nach dem Ende des Kalten Krieges, sondern ein System, das sein altes Gleichgewicht verloren hatte, ohne ein neues aufgebaut zu haben. Eine Welt, die wirtschaftlich stärker integriert, aber politisch instabiler ist und eher auf tiefere Konflikte als auf die versprochene Harmonie zusteuert.

Canarias Seminal: : Glaubst du aus heutiger Sicht, dass das Buch mit seinen Zukunftsprognosen richtig lag?

Martín Álvarez:  Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass das Buch im tiefen Sinne seiner Prognosen richtig lag, wenn auch nicht unbedingt in allen konkreten Details.

In „Die Götterdämmerunggibt es keine datierten Prophezeiungen oder festgelegten Szenarien, aber es gibt eine strukturelle Lesart, die Trends vorwegnimmt, die im Laufe der Zeit mehr als sichtbar geworden sind.

Sein größter Verdienst besteht darin, die Idee einer stabilen Welt unter amerikanischer Vorherrschaft abgelehnt zu haben. Zu Beginn der 2000er Jahre schien diese Vorherrschaft unbestreitbar. Engel behauptete entgegen der vorherrschenden Meinung, dass sie fragil, kostspielig aufrechtzuerhalten und dazu bestimmt sei, Widerstand zu erzeugen. Heute ist offensichtlich, dass diese Führungsrolle nicht zu Ordnung, sondern zu langwierigen Konflikten, indirekten Kriegen und einer zunehmenden internationalen Polarisierung geführt hat.

Er lag auch richtig mit seiner Vorhersage, dass die Globalisierung weder zu sozialer Konvergenz noch zu allgemeinem Wohlstand führen würde. Die Prekarisierung der Arbeit, die Zunahme der Ungleichheit und die Existenzunsicherheit, die er in seinem Buch beschreibt, haben sich nicht nur bestätigt, sondern sogar auf zentrale Länder ausgeweitet, die zuvor als geschützt galten.

Ein weiterer wichtiger Erfolg ist seine Einschätzung Chinas. Zu einer Zeit, als viele das Land als einfachen Nutznießer der von den Vereinigten Staaten angeführten Ordnung betrachteten, analysierte Engel es bereits als aufstrebende kapitalistische Macht, die dazu bestimmt war, mit dieser Ordnung zu kollidieren. Die derzeitige strategische Rivalität bestätigt diese grundlegende Intuition.

Wo das Buch aus heutiger Sicht am umstrittensten sein könnte, ist das Tempo und die Form der Prozesse. Einige Entwicklungen waren chaotischer und weniger linear, als es der theoretische Rahmen vermuten lässt. Es sind auch neue Phänomene aufgetreten – technologische, kulturelle, politische –, die in der ursprünglichen Analyse keine zentrale Rolle spielen.

Wenn man das Buch jedoch nicht nach seiner Fähigkeit beurteilt, konkrete Ereignisse vorherzusagen, sondern danach, dass es die grundlegenden Dynamiken identifiziert hat – strukturelle Unordnung, wiederkehrende Krisen, Hegemonialstreitigkeiten und Grenzen des Systems –, ist die Bilanz eindeutig: Die Zeit hat eher für seine Warnungen gesprochen als für den Optimismus, der zum Zeitpunkt seiner Entstehung vorherrschte.

Canarias Seminal: : Hat das Buch vorausgesagt, dass China zu einer imperialistischen Großmacht werden würde?

Martín Álvarez:  Ja, explizit und ziemlich früh. Das Buch deutet nicht nur diese Möglichkeit an, sondern behauptet eindeutig, dass China zum Zeitpunkt seiner Entstehung bereits auf dem Weg war, eine imperialistische Großmacht zu werden.

In „Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung’” widmet Engel einen eigenen Abschnitt China und definiert es als eine aufstrebende sozialimperialistische Macht. Mit diesem Begriff möchte er zwei Ideen gleichzeitig unterstreichen. Einerseits, dass China eine starke sozialistische Rhetorik und eine bedeutende staatliche Kontrolle beibehält. Andererseits, dass seine tatsächliche Funktionsweise von kapitalistischen Logiken der Akkumulation, Expansion und internationalen Konkurrenz bestimmt wird.

Das Buch lehnt die damals weit verbreitete Ansicht ab, dass China lediglich ein Entwicklungsland sei, das passiv von der Globalisierung profitiere. Engel argumentiert, dass seine Integration in den Weltmarkt nicht untergeordnet, sondern strategisch sei. China erscheint bereits damals als ein Akteur, der den internationalen Handel, ausländische Investitionen und seine enorme Arbeitskraft nutzt, um eigene Wirtschaftsmacht aufzubauen.

Darüber hinaus sagt Engel voraus, dass dieser Aufstieg weder friedlich noch harmonisch verlaufen würde. Seiner Analyse zufolge war ein China, das zu einer kapitalistischen Großmacht geworden war, dazu bestimmt, in Konflikt mit den bereits dominierenden Mächten, insbesondere den Vereinigten Staaten, zu geraten, da das imperialistische System kein unbegrenztes Wachstum ohne Konflikte zulässt.

Es ist wichtig zu betonen, dass das Buch China weder als Ausnahme vom globalen Kapitalismus noch als systemische Alternative beschreibt. Im Gegenteil, es stellt es in denselben Zusammenhang wie die anderen Mächte: wirtschaftliche Expansion, Suche nach Märkten, Sicherung von Ressourcen und Ausbau des politischen und militärischen Einflusses.

Aus heutiger Sicht ist bemerkenswert, dass Engel nicht nur den Aufstieg Chinas vorhersagte, sondern dies auch gegen den Konsens seiner Zeit tat, als noch die Vorstellung vorherrschte, dass China sich fügsam in eine von den Vereinigten Staaten angeführte Weltordnung integrieren würde. In diesem Punkt ist die Prognose des Buches besonders zutreffend.

Canarias Seminal: : Hat dieser Engel etwas mit Friedrich Engels, dem Verfasser des Kommunistischen Manifests, zu tun?

Martín Álvarez: Nein, überhaupt nicht. Es besteht weder eine persönliche noch eine direkte familiäre Verbindung. Stefan Engel ist in keiner Weise mit Friedrich Engels verwandt, dem Verfasser des Kommunistischen Manifests zusammen mit Karl Marx. Die Übereinstimmung des Nachnamens kann zu Verwirrung führen, aber es handelt sich um Personen, die mehr als ein Jahrhundert voneinander getrennt sind und aus sehr unterschiedlichen historischen Kontexten stammen.

Die Beziehung zwischen beiden ist intellektueller, nicht biografischer Natur. Stefan Engel stellt sich bewusst in die theoretische Tradition, die von Marx und Friedrich Engels begründet und später von Lenin weiterentwickelt wurde. Sein Werk zielt darauf ab, diesen Analyserahmen zu aktualisieren, um den zeitgenössischen Kapitalismus zu interpretieren, und nicht darauf, ein familiäres Erbe fortzuführen.

Tatsächlich stützt sich der Ansatz von „El crepúsculo de los dioses” (Götterdämmerung über der neuen Weltordnung) ausdrücklich auf die klassischen Konzepte des Marxismus – Imperialismus, Finanzkapital, systemische Krise – und passt sie an die Situation nach dem Kalten Krieg an. In diesem Sinne präsentiert sich Stefan Engel als Fortführer der Lehre, nicht als Nachkomme oder als eine Figur, die mit dem historischen Engels auf andere Weise als theoretisch verbunden ist. Um es klar zu sagen: Sie teilen den Nachnamen und die ideologische Tradition, aber nicht die Genealogie, die Epoche oder irgendeine persönliche Verbindung.

1 Unter dem Titel „EL LIBRO QUE ANUNCIÓ EL CAOS: ASÍ SE PREDIJO EL ACTUAL DESORDEN MUNDIAL, MUCHO ANTES DE QUE ESTALLARA“